Lage und Landschaft

Lüttelforst liegt reizvoll am Nordufer der Schwalm und zudem am Fuß der Böschung zur „jüngeren Haupterrasse“, die Rhein und Maas nach der letzten Eiszeit hier aufgeschüttet haben. Die Ortschaft gilt zudem in der Region als Musterbeispiel eines „Waldhufendorfs“! Was hat es damit auf sich..?

Der Begriff bezeichnet in Abgrenzung zum bekannteren „Haufen-“ oder „Angerdorf“ (z.B. Rickelrath) eine Siedlungs- und Flurform mit langen, streifenförmigen Parzellen. Aus ehemals deutschen Ostgebieten wie z.B.im früheren Schlesien sind Großformen solcher Rodungsdörfer bekannt; dort bestellte der Bauer die sog. „fränkische Hufen“ mit bis zu 100 m x 2330 m (ca. 24 ha) Länge und musste bei der Bewirtschaftung den schweren Pflug daher selten wenden. Unter einem „Hufen Land“ verstand man aber je nach Region und Bodengüte eine andere Landfläche; so ist z.B. die „flämische Hufe“ wesentlich kleiner. In Folge dieser Parzellierung entstand zunächst eine weitständige Höfezeile; derartige Siedlungen hatten einen rein landwirtschaftlichen Charakter und bildeten so Verbindungswege, wo sie nicht immer gleich als Dörfer zu erkennen waren.

Lüttelforst: Auschnitt aus Tranchotkarte 1805

Lüttelforst ist nach seinem sprechenden Namen aus Waldgebiet erschlossen worden und liegt auch entlang eines Wegs;- manchen denken mit Blick auf St.- Jakob schon an den  Pilgerweg nach Santiago.

Bis heute zeigt es die Anlage eines Waldhufendorfes, die den Wanderer gut eine Stunde von Lousberg bis zum Oberdorf Richtung Rheindahlen bzw. JHQ begleitet. Lüttelforst war zunächst eine einreihige Zeile entlang der Schwalm mit kürzeren ca.700m nach Nordosten verlaufenden Hufen. In den feuchten Niederungen betrieben die höher gelegenen Höfe Grün- oder Viehwirtschaft. Weiter oben folgten kleine Waldstreifen oder Obstbongerte an der Terrassenböschung und schließlich die Ackerwirtschaft auf der trockeneren Terrassenplatte. Ein idealer Standort, weil damit auch die Wasserversorgung der Höfe gesichert war. Auch heute noch sind diese Charakteristika wie die Lage entlang des Wasserlaufs der Terassenkante für einen aufmerksamen Besucher erlebbar.

Solche Anlagen, errichtet an der Grenze zwischen Feuchtländereien und trockeneren Anbaugebieten, gelten als die ältesten Gründungen oder Vorformen von Waldhufensiedlungen. Das könnte bedeuten, dass Lüttelforst älter ist als das urkundlich früher erwähnte Amern. Natürlich erlebt ein solches Dorf Wandlungen und Störungen seiner ursprünglichen Systematik. So trug beispielsweise ab ca. 1700 die vorherrschende Erbsitte, den Besitz unter den Nachkommen aufzuteilen (Realerbteilung) dazu bei, die ehemals zusammenhängenden Hufen immer weiter zu zerstückeln. So verzeichnete das Urkataster von 1826 beispielsweise bis zu 132 Parzellen auf einem Besitz (s. unten Zschocke)¹. Beherrschend blieben aber zunächst weiterhin die alten Höfe wie hier in Richtung Oberdorf: Dahlhof, Engelhof, Heissenhof(Brandshof), Herbertzhof, Halfenhof oder auch Papelter Hof mit ihrem damals noch erkennbar zusammenhängenden Besitz. Wenn es von Lüttelforstern hieß, dass hier das „Brot nur auf der rechten Seite gebacken“ würde, so zielt das darauf, dass alle Höfe auf der südlichen Strassenseite lagen. Mit der Ansiedlung der Erben erfolgte eine Verdichtung der Bebauung, die den Dorfcharakter zumindest auf Höhe der Kirche aber deutlich hervortreten ließ.

Ausschnitt aus Urriss 1826

Der Fortgang der Realerbteilung hatte zur Folge, dass Kleinbauern einen Nebenerwerb – meist im Flachsanbau und in der Flachsweberei oder -Spinnerei – suchen mussten. Aus der Ölfrucht des Flachs wurden überdies durch die Mühlen im Schwalmtal Leinöl als Rohstoff für Leinfarben sowie als Beleuchtungsmittel gewonnen.

Durch die Verbreitung von Baumwolle und Petroleum kam der Flachsanbau schließlich in eine Absatzkrise. Im Zeitalter einer industriell betriebenen Landwirtschaft wurden die Parzellen und Kleinstbesitzungen von Erbengemeinschaften wieder angekauft, zu Gewinn versprechenden Pachthöfen zusammengeschlossen und der Flachs- durch Roggen- und Kartoffelanbau ersetzt(Bähr und Golte, S.206). In die gleiche Richtung wirkten später Flurbereinigungen.

Bis Anfang der 1960er Jahre blieb das physiognomische Bild der alten Waldhufensiedlung nahezu intakt. Wegen der steilen Abbruchkante erfolgte eine Bebauung auf der anderen Straßenseite nur an flacheren Stellen. Bis heute schützt dieses Relief Lüttelforst vor einer weitergehenden Zersiedlung.

Nach 1945 setzte eine zunehmende Bebauung ein, zwischen 1945-72 wurden 101(!) Neubauten errichtet; die meisten ab Mitte der 1960er Jahre. Damit wuchs Lüttelforst und die alte Anlage der Reihensiedlung kam an ihre Grenze. Auf dem Besitz des ehemaligen Halfenhofes gruppierten sich die Wohnhäuser der heutigen Buchenstrasse als eigenständige Siedlung. Ein Trend, der anhielt, wie eine empirische Schüleruntersuchung³ aus dem Jahre 2002 feststellte: von insgesamt 111 untersuchten Gebäuden waren 38 zwischen 1970 und 2002 neu erbaut- und 18 umgebaut worden, nur drei stammten aus der Zeit zwischen 1945 und 1970. Nach 2002 sind bis heute noch 5 weitere Neubauten entstanden.

Darüber hinaus erhielten Gebäude und Höfe mit ehemals landwirtschaftlicher Nutzung durch Umbau eine reine Wohnfunktion als Alterssitz oder infolge einer Erbübernahme. Die neuen Bewohner gingen meist keiner landwirtschaftlichen Beschäftigung nach und verpachteten Land und Boden an überwiegend auswärtige Landwirte. Wie eine Befragung aus dem Jahr 1972 zeigte, waren zu diesem Zeitpunkt 48% der neue entstandenen Haushalte aus meist städtischen Ballungsgebieten zugezogen.

All diese Entwicklungen änderten mit dem Bild des Dorfes auch seine Sozialstruktur. Diese Wandlungen kann man unterschiedlich beurteilen. Wir wollen hier mit der skizzierten Geschichte eines Walhufendorfes am Niederrhein nicht vergangene Zeiten romantisieren, sondern wünschen uns damit, etwas Nachdenken und Respekt vor dem Erbe dieser Geschichte wecken.

All diese Entwicklungen änderten mit dem Bild des Dorfes auch seine Sozialstruktur. Diese Wandlungen kann man unterschiedlich beurteilen. Wir wollen hier mit der skizzierten Geschichte eines Walhufendorfes am Niederrhein nicht vergangene Zeiten romantisieren, sondern wünschen uns damit, etwas Nachdenken und Respekt vor dem Erbe dieser Geschichte wecken.

¹ Herlig Zschocke: Die Waldhufensiedlungen am linken Deutschen Niederrhein, Wiesbaden 1963(Kölner Geopgraphische Arbeiten Heft 16)

² Jürgen Bähr und Winfried Golte: Wandlungen in einer niederrheinischen Waldhufensiedlung in; Heimatbuch Viersen 25, 1974, S.200-207.

³ Facharbeit im Leistungskurs Erdkunde 2002/03 von B. Bonsels u. P. Korf; die Zahlen verdanken wir dieser Schülerarbeit